Also, ein Tag auf See, Himmel komplett blau, Wasser noch blauer, Sonne zu bissig, legen wir los. Über die Liebe der Kiwis zum Wasser habe ich ja schon geschrieben. Das bedeutet aber gleichzeitig, Relativierung der Arbeit. Auch die Verkäuferin kann nach Feierabend noch Wellenreiten, denn die Läden machen um fünf, manche schon um vier, spätestens aber um halb sechs dicht. Ausnahme, die Supermärkte.
Kiwis geht's ganz gut. Jedenfalls weniger sichtbare Armut als in D. Ob das mit der angeblich "klassenlosen Gesellschaft" so stimmt, stelle ich nach Inaugenscheinnahme der Yachten und Millionen-Appartments in Auckland etwas in Frage. Für 2014 erwartet man 4 % Wachstum, trotz 12,75 $ Mindestlohn, der ausnahmslos für alle, selbst für studentische Hilfskräfte bei der Obsternte gilt. NZ hat(te) einen vorbildlich ausgestalteten Sozialstaat, aber die Sozis haben auch hier Tony Blair und Agenda 2010 gespielt. Trotzdem, Ganzstagsschulen für alle, gute Gesundheitsversorgung und Alterssicherung gibts noch.
Kiwis sind ja, nicht nur weil Teil des Commenwelth, ja britisch, aber Espresso, Cappuccino und Latte Macchiato und nicht Earl Grey bestimmen die Getränke- und Frühstückswelt. Also, die Trends der Welt haben es bis hierher geschafft (obwohl die Kiwis im Empire - und wohl auch bei den Australiern, als sehr rückständig gelten. Bisschen Selbstironie gibts auch. Las ich, dass ein Kiwi-Künstler in US-TV-Show gesagt bekam, cool, Dein 70-er Jahre Outfit, worauf er entgegnete, das seien nur Klamotten aus Neuseeland).
Vielleicht will man nicht provinziell sein (hier am schönsten Arsch der Welt, wie die taz mal schrieb). Das schöne am Provinziellen, z.B. man verkauft seine Gartenprodukte am Zaun, wo eine Kiste steht, man sich die Tomaten, Avocados oder was der Garten bietet, herausnimmt und das geforderte Geld hineinlegt.
Kiwis sind multikulti, zumindest in Bezug auf diejenigen, die zuerst hier waren, die Maori. Man ist darauf irgendwie stolz, ziemlich zweisprachig, wenn mir auch ein bisschen zu folkloristisch.
Und irgendwie ist NZ ja dank Peter Jackson jetzt Mittelerde, was den Tourismus sicher deutlich belebt. Die Drehorte von Herr der Ringe und jetzt den Hobbit-Geschichten sind wahre Wallfahrtsorte.
Kiwis sind immer freundlich. Die Einreise beispielsweise, in keinem Land mit Grenzkontrolle wurden wir so freundlich empfangen und zügig abgefertigt. Andererseits ist man dafür nach unseren Maßstäben im Geschäftsleben oftmals ziemlich inkompetent. Man hat das Gefühl, je weniger Ahnung, um so freundlicher der Verkäufer.
Mit einem darf man sich allerdings nicht anlegen. Mit der Behörde für Gesundheitsschutz, Quarantäne etc.. Bei der Einreise interessieren weder Drogen noch Waffen, kriminelle Vergangenheit oder Zukunft, aber sollte sich irgendwo im Gepäck noch ein Stück Orangenschale befinden, Schmutz unter den Schuhen sein oder sich womöglich im Schwarzen unter den Fingernägeln noch Bakteriengut befinden, welches das einheimische Ökosystem bedroht, dann ist Schluss mit lustig. Originalverpackte Wasserflaschen, das geht gerade noch, Brotkrümel können die Einreise verhindern. Verstecken zählt nicht, der Beagle riecht alles.
Der Kiwi ist und isst öko. Mülltrennung - selbstverständlich mindestens wie in Tübingen. Bio, also organic food, überall. Glutenfrei, sonst kann man nicht überleben, lactosefrei, frei von Zuckerzusätzen, das Brot wie Schaumstoff, aber aus biologischem Korn, Eis aus Soja-Milch mit Biofrüchten. Jagen und Fischen, die schweren Autos, damit man auch die Boote ziehen kann, das beißt sich damit nicht.
HDYFNZ, das fragt jede/r (How do you find New Zealand) - und das muss man natürlich klasse finden. So wie ihren Sieg im America's Cup (der einem in Auckland sehr nahe gebracht wird), ihre Vorreiterrolle beim Frauenwahlrecht (seit 1907!) und irgendeinen Mount Everest-Bezwinger, sowie die "All Blacks", ihre gefürchtete Rugby-Mannschaft.
Vor allem aber sind Kiwis Leute, die mit Badeklamotten, manchmal sogar mit T-Shirt, in die Sauna gehen, versuchen, dort die Temperatur herunterzuregeln, gerne mit Getränkeflaschen dabei, an denen ständig genuckelt wird und die man zwischendurch dann draußen immer wieder auffüllt. Die Deutschen (die ansonsten ganz weit weg sind) werden schon mal als sexbesessen beschrieben, denn die gehen sogar nackt in die Sauna. Dafür muss man die Kiwis doch liebhaben, oder?
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